Dienstag, 12. Februar 2013

Tage in Burma 4: In Mandalay

8.1.2013 bis 10.1.2013
Morgens um 5 Uhr kommen wir in Mandalay an, der Bus stoppt einfach an einer Straße irgendwo in der Stadt und alle müssen aussteigen, keine Ahnung, wo wir sind. Aber eine Art Restaurant hat zu dieser frühen Stunde schon geöffnet. Dort sitzen wir 1 1/2 Stunden ab, bis es hell wird. Wir sind total durchgefroren. Mandalay liegt zwar im Tiefland, aber immerhin befinden wir uns jetzt ca. 700 km weiter im Norden, morgens und abends wird es hier richtig frisch - und wir haben fast alle warmen Sachen in Bangkok gelassen. Tagsüber steigen die Temperaturen auf angenehme 30 Grad oder mehr, im Sommer (jetzt herrscht ja Winter) werden leicht bis 45 Grad erreicht.
Um 7 Uhr können wir schon im Golden Country Hotel einchecken, das Wah Wah für uns organisiert hat und eine sehr gute Wahl ist, schönes, großes Zimmer, sehr nettes und hilfsbereites Personal. Wir holen etwas Schlaf nach und erkunden dann die Stadt zu Fuß, die Räder sind ja immer noch vom Flug verpackt.

Wir wollten schon immer nach Mandalay, vielleicht weil der klangvolle Name mit einem gewissen Mythos verbunden ist oder weil die Stadt für Ausländer lange Zeit so schwer erreichbar war. 2003 hat das nicht geklappt, weil wir unsere Reise damals krankheitsbedingt schon nach einer Woche abbrechen mussten und über Yangon und Umgebung gar nicht hinauskamen. Jetzt sind wir endlich hier und müssen etwas ernüchtert feststellen, dass Uta recht hatte mit ihrer Warnung, Mandalay sei keine besonders schöne Stadt. Charme oder ein besonderes Flair hat sie wirklich nicht. Die alte Bausubstanz wurde weitgehend zugunsten gesichtsloser Betonklötze vernichtet, die Straßen sind extrem staubig, denn Mandalay liegt im Zentrum von Burmas Trockenzone, alles ist hier mit einer Staubschicht überzogen. Zur Zeit wird an vielen Stellen an der Kanalisation gearbeitet, speziell in der Umgebung unseres Hotels, d.h. die Kanäle liegen offen, der Inhalt türmt sich an den Seiten - das trägt natürlich auch nicht unbedingt zu einem attraktiveren Erscheinungsbild bei. 

Die Entfernungen in Mandalay sind groß, an unserem ersten Tag legen wir auf den staubigen, lärmigen  Straßen fast 20 km zu Fuß zurück, weil wir die Distanzen falsch eingeschätzt haben und kein Taxi für den Rückweg finden können. Mandalay ist definitiv keine Stadt für Fußgänger.  Einen ganz anderen Zugriff bekommt man, wenn man sich aufs Rad setzt und die Stadt per Drahtesel erkundet. Da schrumpfen nicht nur die Entfernungen, man entdeckt dann auch schnell ruhigere Ecken und interessante Straßen und Viertel abseits der Haupttouristenpfade. Auch wenn wir uns am Anfang mit Mandalay etwas schwer tun - am Ende und v.a. nach der Rückkehr von unserer Fahrradtour fühlen wir uns hier richtig wohl.  Außerdem gibt es in Mandalay viel anzuschauen und die Stadt ist Zentrum des religiösen Kunsthandwerks; hier kann man z.B. Blattgoldschlägern bei ihrer Arbeit zusehen oder die Herstellung von Buddhas beobachten, auch Ausflüge in die Umgebung sind möglich.

Was uns am ersten Tag bei unserem Marsch durch die Stadt auch auffällt, ist die Dichte an "Biergärten", praktisch alle paar Meter kommen wir an einer "Kneipe" vorbei, obwohl Alkohol in Burma vergleichsweise teuer ist und für die Einheimischen eher ein Luxusgut darstellt. Bier wird dort aber gar nicht so viel konsumiert, die Burmesen bevorzugen Whisky, den sie mit eiskaltem Wasser verdünnen. Als wir später mit den Rädern unterwegs sind, ist es zwar oft schwierig, ein akzeptables Restaurant zu finden, eine "Kneipe", hier oft "Beer Station" genannt, gibt es aber immer, selbst in Orten, die nur aus ein paar Hütten bestehen, für uns sehr praktisch, weil wir dort auch kalte Softdrinks und Wasser bekommen und für eine Rast einkehren können. Es gibt sicher jede Menge Ehekräche in Burma, weil viele Männer das Geld in den Bierstuben durchbringen, Frauen sieht man dort so gut wie nie.

Wir schauen uns die Mahamuni-Pagode im Süden von Mandalay an, die wegen der sitzenden, fast 4 m hohen Buddha-Statue zu den Hauptpilgerzielen des Landes zählt. Der Buddha ist so dick mit Blattgold bedeckt, das u.a. Gläubige dort im Laufe der Zeit anbrachten, dass er schon nicht mehr elegant und erhaben, sondern eher etwas unförmig und übergewichtig aussieht. Uns wundert, dass gar nicht so viele Touristen zu sehen sind. Mandalay scheint touristisch eher ein Nebenschauplatz zu sein. Hauptsächlich zieht es die Leute hier oben im Norden wohl nach Bagan und an den Inle-See.

Am zweiten Tag in Mandalay steht nur Kultur auf dem Programm. Wir schauen uns den ehemaligen Königspalast an, eine klassische Touristenfalle, denn die ursprünglichen Gebäude wurden im 2. Weltkrieg durch Brände zerstört, als es zu erbitterten Gefechten zwischen vorrückenden britischen Truppen und den japanischen Streitkräften kam, die Mandalay seit 1942 besetzt hielten. Was man heute sieht, sind Rekonstruktionen aus den 90er Jahren, die man nicht unbedingt als gelungen bezeichnen kann. Nach burmesischer Tradition wurden viele Paläste vollständig aus Holz gebaut und fielen dann leider irgendwann Flammen zum Opfer. Nur ein Gebäude des alten Königspalastes hat überlebt, weil es Ende des 19. Jahrhunderts zerlegt und außerhalb der Palastmauern wieder aufgebaut wurde und somit von den Bränden verschont blieb. Es ist das Shwenandaw-Kloster, ein prächtiger Teakholzbau und wirklich wunderschön. Sehr beeindruckend  finden wir auch die Kuthodaw- und die Sandamani-Pagode in der Nähe, beide mit einer riesigen Anzahl kleiner, weiß getünchter Pagoden bestückt, die Schrifttafeln enthalten.

Wir trauen uns dann doch wieder an burmesisches Essen, aber die Qualität ist so bescheiden, dass wir vorerst auf Tütensuppen umsteigen, die wir uns im Hotel mit dem Tauchsieder aus Sri Lanka zubereiten. Schade, für uns gehört die Esskultur eines Landes immer zum Reiseerlebnis dazu. Doch nicht nur wir haben ein Problem mit der burmesischen Küche, auch andere sind davon nicht besonders angetan, aber in einem so armen Land kann man auch keine hohe Kochkunst erwarten.

Dann machen wir unsere erste Fahrradtour in Burma, zur gut 10 km südlich von Mandalay gelegenen U Bein-Brücke. Mandalay ist zwar mit ca. einer Million Einwohnern insgesamt beschaulicher als die 5 - Millionenmetropole Yangon, aber der chaotische Stadtverkehr ist nach der langen Fahrradpause durchaus gewöhnungsbedürftig. Wir fahren vorsichtig, damit die Knochen heil bleiben, im Krankenhaus möchte man bei den hygienischen Verhältnissen hier nicht landen. Burma hat z.B. eine sehr hohe Aidsrate, ein Problem, das von der Militärjunta jahrelang verschwiegen und dadurch noch verschlimmert wurde. 

Auf der Rückfahrt läuft es besser, da werden wir schon mutiger. Wenn man hier zimperlich ist, kommt man nie über eine Kreuzung, Ampeln gibt es kaum.
Die U Bein-Brücke gehört zu den Hauptsehenswürdigkeiten in der Umgebung von Mandalay. Sie führt über einen See und ist die längste Teakholzbrücke der Welt, um 1850 gebaut und heute etwas zerbrechlich aussehend. Von der einstigen Vergoldung ist nichts mehr zu erkennen, trotzdem ist sie sehr beeindruckend. Die Brücke zieht nicht nur viele ausländische Besucher an, wir sehen auch zahlreiche burmesische Touristen; fein herausgeputzt und deshalb besonders schön anzusehen sind vor allem die jungen Damen in ihren schicken Longyis, dem traditionellen Wickelrock für Frauen und Männer, der überall in Burma noch sehr verbreitet ist.

Am Abend bereiten wir unsere Abreise vor und gehen noch für einen kurzen Spaziergang raus. Unser Hotel liegt in einer feinen Wohngegend etwas abseits des Zentrums. Hier gibt es ziemlich pompöse Häuser, dazwischen aber auch ganz einfache Hütten. Nur ein paar Meter von unserem Hotel entfernt legen die Bewohner der Straße ihren Müll ab, der dann irgendwann von der Müllabfuhr abgeholt wird. Jeden Abend sehen wir einen Mann und eine Frau, ganz reinlich und ordentlich gekleidet, die in dem stinkenden Haufen nach Verwertbarem suchen, v.a. nach Plastikflaschen. Sie haben zwei kleine Kinder, die derweil in einem Pappkarton sitzen und spielen. Man möchte gerne helfen, aber wie?
Nach Einbruch der Dunkelheit darf man seine Unterkunft übrigens nie ohne eine Taschenlampe verlassen, die Straßen sind extrem schlecht oder gar nicht beleuchtet. Auch im Hotel muss wegen der ständigen Stromausfälle immer eine Taschenlampe griffbereit liegen. Viele Hotels haben einen Generator, aber eben nicht alle.




 Ankunft in Mandalay um 5 Uhr morgens -
zum Glück hat dieses Restaurant schon geöffnet.



Unser Hotel in Mandalay



Einer von vier Zugängen zur Mahamuni-Pagode
 





Die vergoldete Buddha-Statue in der Mahamuni-Pagode ist für burmesische Buddhisten ein ganz besonderes Wallfahrtsziel.





 In der Nähe der Mahamuni-Pagode befindet sich  das Zentrum des religiösen Kunsthandwerks in Mandalay.  Hier werden z.B. Buddhastatuen aus Stein hergestellt.





Das Gesicht dieser Statue bedarf noch weiterer bildhauerischer Bearbeitung.


Holz ist natürlich leichter zu bearbeiten.


Hier wird hauchdünnes Blattgold "geschlagen",
das später vielleicht einmal den Mahamuni-Buddha zieren wird. 



Politische Propaganda am Eingang zum ehemaligen Königspalast:
"Tatmadaw" ist die (früher) allmächtige burmesische Armee.



Wir machen es uns einmal einfach und lassen uns mit der Fahrradrikscha zum Palast bringen.




Blick vom Aussichtsturm auf den nachgebauten Königspalast 




Abendstimmung an der Palastmauer




 Die Sandamani-Pagode mit ihren unzähligen kleinen Stupas




Vor der Pagode: Diese Kinder haben gerade eine Eidechse gefangen.




Vor der Kuthodaw-Pagode: Das Freilassen von Vögeln ist eine gute Tat und bringt Pluspunkte für die Wiedergeburt - das kann man sich schon mal ein paar Tausend Kyat kosten lassen.




 Viele Burmesen sind abergläubisch: Hier kann man sich seine Zukunft aus der Hand lesen lassen.



Buddhistische Nonnen beim Almosengang (1)




Buddhistische Nonnen beim Almosengang (2)



Die berühmte U Bein-Brücke in der Nähe von Mandalay 




Mönche auf der U Bein-Brücke 




Junges Mädchen mit Kopflast auf der Brücke 




Auch bei jungen burmesischen Ausflüglern ist die Brücke sehr beliebt.



Fischerboot in der Nähe der Brücke

Sonntag, 3. Februar 2013

Tage in Burma (3): Abschied von Yangon

Am Nachmittag schauen wir uns noch weitere Pagoden in Yangon an und spazieren durch die Hauptgeschäftsstraßen. Abends sind wir mit Uta von "warmshowers" verabredet, die seit 10 Jahren in Yangon lebt und für eine deutsche Firma arbeitet, die in Burma Spezial-BHs anfertigt. Eigentlich wollte Uta mit uns burmesisch essen gehen, aber als wir von unseren gesundheitlichen Problemen berichten, wird daraus Brot mit Käse bei ihr zu Hause. Das ist etwas abseits des Zentrums in einer Wohnanlage, die von außen wie ein Hotel aussieht. Letzten Monat wurde Utas Miete einfach so verdoppelt, sie bezahlt jetzt 4000 $ pro Monat für eine, zugegeben, schicke und geräumige Wohnung, aber ein Luxusappartment ist das nicht - nur ein Beispiel dafür, wie im Moment in Yangon die Preise explodieren. Uta ist in Burma auch schon geradelt und kann uns wertvolle Tipps geben. Käse haben wir seit Spanien nicht mehr gehabt, mundet uns vorzüglich, dazu gibt es, kaum zu glauben, Rucola-Salat!!! Wenn Uta nach Deutschland reist, bringt sie immer kiloweise Käse mit und friert dann alles ein, wovon wir jetzt profitieren. Wir ahnen noch nicht, dass die Käsemahlzeit der kulinarische Höhepunkt unserer Burmareise sein wird.....

Dann ist schon der Tag unserer Abreise aus Yangon gekommen. Unser nächstes Ziel ist Mandalay, ca. 700 km weiter nördlich und zweitgrößte Stadt in Burma. Diese Entfernung werden wir mit dem Bus zurücklegen, einerseits weil jetzt schon abzusehen ist, dass die Zeit vorne und hinten nicht reicht, andererseits weil es auf der Strecke (noch) nicht genug lizenzierte Unterkünfte für Ausländer gibt. Man könnte im Notfall in Klöstern übernachten oder eventuell bei Leuten fragen, aber eine Fahrradreise durch Burma ist auch so schon Abenteuer genug. Wah Wah hat für uns den Nachtbus gebucht, Abfahrt 20.30 Uhr. Tagsüber schauen wir uns noch in Yangon um, viele Straßen, v.a. die schmalen Seitengassen, sehen absolut desolat und jämmerlich aus. Der moderne Flughafen, die herausgeputzten Hotels und Restaurants, die neuen Supermärkte und teuren Bäckereien - das alles hat mit der harten Lebenswirklichkeit der meisten Burmesen gar nichts zu tun.


Der liegende Buddha in der Chank Htat Gyi - Pagode in Yangon ist 72 Meter lang.



Die  Ngadatkyi-Pagode ist eigentlich bekannt für ihren großen sitzenden Buddha. Wir fanden diese Kombination von Statuen und Wandmalerei viel interessanter.



Von Uta bekommen wir viele gute Tipps für unsere Radreise im Norden von Myanmar.



Fahrradrikschas sind nach wie vor  ein wichtiges Transportmittel in Yangon -
 aber nicht auf den Hauptdurchgangsstraßen, da sind sie seit einigen Jahren verboten.



Straßenrestaurant mit burmesischem Barbecue ...




... das essen wir wohl besser nicht.



Hier gibt es Nudelgerichte.



Und noch eine typische burmesische Garküche.



Leckere Maiskolben - frisch gekocht. 
Die kann man ohne Bedenken verzehren!



Dieser Buchhändler in Yangon hat wahrscheinlich soeben seinen 
Bestand  geordnet und ist daher sehr erschöpft.



Ein Händler verkauft Klein-Elektronik auf traditionelle Weise an der Straße.



Die Zeiten ändern sich in Myanmar: 
Die Abschottungspolitik ist vorbei,  vor vielen Geschäften türmt sich die Importware.

Samstag, 2. Februar 2013

Tage in Burma (2): Yangon - Die Ordination

6.1.2013

Wah Wah und Moh sind praktizierende Buddhisten und haben die Verantwortung für einen jungen Mönch übernommen, der zufällig am nächsten Tag feierlich ordiniert wird. Wir sind eingeladen, an dieser Zeremonie teilzunehmen, eine ganz große Ehre. Da es mir am nächsten Morgen deutlich besser geht, können wir die Einladung wahrnehmen. Es sind nur Familienangehörige anwesend, einige Mönche und der Abt, der die Zeremonie leiten wird. Die eigentliche Ordination findet in einem besonderen Raum des Klosters statt, nur Moh darf dabei sein, aber weil der Abt liberal eingestellt ist, erlaubt er auch uns die Teilnahme, eine besondere Ehre vor allem für mich, weil Frauen normalerweise ausgeschlossen sind. So bin ich die einzige Frau bei der Mönchsweihe, selbst Wah Wah muss draußen bleiben. Nach der Zeremonie gibt es für alle Mönche des Klosters ein großes Essen, anschließend dürfen wir anderen speisen. Serviert werden leckere burmesische Gerichte, aber wir müssen uns leider zurückhalten. Wah Wah schärft uns noch einmal ein, wir sollten auf unserer Reise bloß nichts von der Straße essen, sie selber tue das auch nicht, und nur heiße Gerichte zu uns nehmen. Nach diesem eindrucksvollen Vormittag verabschieden wir uns endgültig von der Familie.


In der Ordinationshalle des Klosters



Der Abt spricht die Gebete



Beim Verlassen der Ordinationshalle erhalten die Mönche Opfergaben.



Di Di und Sam haben sich in der Zwischenzeit im Klosterhof ausgetobt.



In der Versammungshalle hält der Abt eine Ansprache.  
Vorn im Bild der junge Mönch, der soeben ordiniert worden ist.

 

   Wah Wah und Moh tragen die Kosten für die Ordinationsfeier und sind bei dieser Veranstaltung     die Ehrengäste. Der Abt wendet sich bei seiner Rede  besonders an sie. Von Moh erfahren wir       später, was er gesagt hat: Einen  jungen Mönch zu "adoptieren" sei wie das Pflanzen eines           Baumes, der später  viele Früchte hervorbringen wird. Aber ein solcher Baum müsse auch             gewässert werden, um nicht zu verkümmern. Das bedeutet, dass Wah Wah  und Moh                 lebenslang Verantwortung für den jungen Mönch übernehmen, auch in finanzieller Hinsicht.

Auch die Kids lauschen andächtig der Rede des Abtes.



Der Tisch mit den Speisen wird kurz angehoben;
 dieses Ritual soll Glück bringen.



Zuerst essen nur die Mönche ...



... danach sind auch die übrigen Gäste an der Reihe.

Freitag, 1. Februar 2013

Tage in Burma (1): Yangon - Besuch bei Freunden

3.1.2013 bis 7.1.2013
Burma (deutsch meist "Birma", seit 1989 offiziell "Union von Myanmar") ist kein gewöhnliches Reiseziel und beschäftigt uns deshalb schon im Vorfeld intensiv. Gerne würden wir von Thailand aus einfach so über die Grenze radeln, aber die Einreise ist in der Regel nur per Flugzeug möglich. Viele Gebiete sind immer noch gesperrt oder man kann sie nur mit Sondergenehmigungen bereisen. Die touristische Infrastruktur ist abseits der Hauptrouten bescheiden oder schlicht gar nicht vorhanden. Für uns als Individualreisende ist deshalb der neueste Stand der Informationen besonders wichtig: Wie kommen wir in Burma an Geld, wie sieht es mit Unterkünften aus, welche Erfahrungen haben andere Radler gemacht - das alles müssen wir bereits vor unserer Abreise recherchieren. Zwar sind wir im Besitz des neuesten Reiseführers von 2012, aber seit der politischen Öffnung des Landes ändert sich alles so rasant, dass selbst dieser zum Teil schon wieder überholt ist.
Laut Internet soll es in größeren Städten neuerdings internationale Geldautomaten geben, aber nur vereinzelt und nicht zuverlässig. Kreditkarten kann man in Myanmar ebenso vergessen wie Reiseschecks, unsere Notreserve. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als ausreichend Bargeld zum Tauschen mitzunehmen, aber wie viel Geld braucht man für knapp vier Wochen in einem Land, in dem z.B. die Hotelpreise explodieren? Akzeptiert werden nur US $ und Euro, aber die Scheine müssen absolut makellos sein. Ein kleiner Knick und schon wird der Schein abgelehnt - das werden wir später selber erleben. So pilgern wir etliche Male zum Wechselbüro um die Ecke von unserem Hotel in Bangkok und lassen uns Dollar- und Euronoten vorlegen. Die Damen von der Bank kennen das Problem schon und bieten Myanmar-Reisenden nur "gute" Scheine an, wobei burmataugliche Dollars leichter zu bekommen sind als Euros. Immerhin gibt es keinen Zwangsumtausch mehr wie noch bei unserem ersten Besuch in Burma vor 10 Jahren, auch die Sonderwährung "FEC" (Foreign Exchange Certificate) für Ausländer wurde abgeschafft, die man seinerzeit nur auf dem Schwarzmarkt in die Landeswährung Kyat tauschen konnte.

Seit der politischen Öffnung will alle Welt nach Burma (ganz früher bekam man nur ein Visum für 7 Tage, jetzt dürfen Touristen immerhin 28 Tage bleiben); außerdem sind wir zur besten Reisezeit dort, im trockenen und kühleren Winter. Internetberichten zufolge ist deshalb im Moment mit Engpässen bei der Unterbringung zu rechnen. Touristen mussten auf Hotelfluren übernachten, weil es keine freien Betten mehr gab..... Einen kleinen Vorgeschmack bekommen wir, als wir versuchen, eine Unterkunft in Yangon zu finden. Die meisten Hotels sind längst ausgebucht, erst nach intensiver Recherche schaffen wir eine Reservierung für vier Nächte.

Am 3.1.2013 geht es endlich los, nach einer Stunde Flug landen wir gegen 17.30 Uhr in Yangon. 2003 war der Flughafen eine triste Angelegenheit, düster, schmutzig, wenig einladend. Mittlerweile hat Yangon ein neues Flughafengebäude, hell, sauber, freundlich, in der Ankunftshalle gibt es sogar einen Geldautomaten und einen Wechselschalter. Wir staunen. Vor 10 Jahren wurden wir schon bei der Einreise von uniformierten Beamten flüsternd angesprochen, ob wir nicht unsere FEC in Kyat tauschen wollten....

Es ist schon dunkel, als wir mit unserem umfangreichen Gepäck ins Taxi steigen. Unser Fahrer spricht gut Englisch und hat seine Freude daran, wie wir über die Veränderungen in Yangon staunen. Vor 10 Jahren fuhren wir mit den Rädern in die Stadt, über holprige Straßen, auf denen kaum Autos unterwegs waren. Yangon bot damals einen traurigen Anblick. Jetzt stehen wir auf der gut ausgebauten Straße teilweise im Stau, unglaublich! Wir sehen schicke Restaurants und Kinos mit Glitzerreklame - 2003 waren die Kinoplakate noch handgemalt. Es scheint sich etwas getan zu haben.....

Die Ankunft im Zentrum ist dann schon etwas ernüchternder. Unser 110 $-Hotel liegt in einer schäbigen Gasse, in der sich stellenweise der Abfall türmt. Mittendrin wird gekocht und gegessen, in improvisierten "Restaurants" mit niedrigen Plastikhockern, die ziemlich typisch für Burma sind und die wir so auch schon vor 10 Jahren gesehen haben. Die blankpolierten Glastüren unseres Hotels stehen in merkwürdigem Gegensatz zu dieser tristen Umgebung. Ganz in der Nähe ist sogar eine richtige Luxusherberge, das Traders Hotel - schön und hässlich, sauber und schmutzig, reich und arm so dicht nebeneinander.

In unserem sehr bescheidenen, völlig überteuerten, aber blitzsauberen Zimmer halten wir uns nicht lange auf - wir wollen unbedingt noch kurz raus, einen kleinen Eindruck bekommen. Die Burmesen haben ein langes Wochenende vor sich, morgen ist  Unabhängigkeitstag. Unser Hotel liegt mitten im Zentrum, die Straßen sind brechend voll, die Bürgersteige und Straßenränder voll gepackt mit Verkaufs- und Ess-Ständen. Wir müssen aufpassen, wohin wir unsere Füße setzen, überall lauern Fallen, Löcher, Unebenheiten, lose Platten, zerbrochene Kanalabdeckungen. Wir fühlen uns nach Sri Lanka zurückversetzt, auch das Gewusel auf den Straßen erinnert uns daran und die vielen, sehr einfachen indischen Restaurants gleich um die Ecke von unserem Hotel. Während der britischen Herrschaft in den 30er Jahren stellten die Inder mehr als die Hälfte der Bevölkerung Yangons und noch immer leben viele in der Innenstadt. Wir trauen uns, Masala Dosai zu essen, den leckeren südindischen Pfannkuchen, schmeckt gut, aber in die Küche möchte ich hier lieber nicht schauen.... Lange bleiben wir nicht draußen. Die Sicherheitslage in Burma ist gut, aber wir sind mit einer Barschaft von mehreren tausend Euro unterwegs und man muss das Schicksal ja nicht herausfordern. Vom Hotel aus, das übrigens trotz des überzogenen Preises jeden Abend ausgebucht ist, rufen wir noch Wah Wah an und vereinbaren ein Treffen für morgen.

Wah Wah kommt am nächsten Tag mit Di Di, ihrer 13jährigen Tochter. Wir kennen die Familie, zu der noch Wah Wahs Ehemann Moh und der 9jährige Sam gehören, über eine gemeinsame Freundin aus Hawaii und haben sie schon 2003 getroffen. Den Vieren geht es im Vergleich zu der Mehrheit in Burma, die in großer Armut lebt, relativ gut. Moh betreibt eine Art Reiseagentur, aber jetzt gibt es mehr Konkurrenten auf dem Markt und er muss kämpfen. Wah Wah hat einen guten Job bei einem australischen Arbeitgeber. Die Familie lebte und arbeitete eine Zeitlang in Singapur und ist erst vor kurzem zurückgekommen.

Wir verbringen den Vormittag mit den beiden Damen. Di Di ist ein aufgewecktes, hübsches Mädchen und unterscheidet sich eigentlich nicht von deutschen Teenagern ihres Alters. Natürlich gehört sie zur Facebook-Gemeinde, mag moderne Kleidung und träumt von einem iPhone. Wir spazieren zusammen zur Sule-Pagode, die unweit unseres Hotels mitten in einem Kreisverkehr liegt. Die Sule-Pagode ist bei weitem nicht so groß und prächtig wie die berühmte Shwedagon-Pagode. Es ist mehr ein Alltagstempel, dorthin geht man mal eben zwischendurch und in der Mittagspause.

Wir essen mit Wah Wah und Di Di zu Mittag, in einem Restaurant mit typisch burmesischer Küche, sehr lecker. Wegen des Unabhängigkeitstags ist heute überall viel los, aber Wah Wah meint, mit ironischem Unterton natürlich, die Briten wären mal besser im Land geblieben, dann würde es ihnen heute besser gehen. Di Di zuliebe kehren wir auch noch in einem "Donuts" ein, aber das ist kein Ableger der amerikanischen Kette, sondern nur die burmesische Kopie. Ich hätte nicht gedacht, dass man Donuts noch schlechter machen kann als sie ohnehin schon sind. Ausländische Fast Food-Ketten haben sich in Burma noch nicht angesiedelt, aber bald soll der erste McDonalds in Yangon eröffnen, außerdem eine Ikea-Filiale - das wird einen Ansturm geben..... 

Am Nachmittag verabschieden wir uns von den beiden Damen und gehen zu Fuß zur Shwedagon-Pagode. Die Orientierung im Zentrum ist einfach, dank der Engländer, die die Straßen des Stadtkerns quadratisch anlegten und durchnummerierten, nur die breiten Straßen haben Namen.
Die Shwedagon-Pagode ist die Hauptsehenswürdigkeit in Yangon und eine der berühmtesten Pagoden überhaupt, Pilgerstätte für Buddhisten aus aller Welt, uralt, wunderschön, unverwechselbar, sicher ein Höhepunkt für jeden Burma-Reisenden. Sie ist das bekannteste Bauwerk Burmas, für die Burmesen auch wichtig als Symbol des Landes und als Ort der Freiheitsbewegung - die "Lady", Aung San Suu Kyi, hielt 1988 hier ihre erste öffentliche Rede. Vier lange überdachte Aufgänge führen über niedrige Stufen hinauf zu dem vergoldeten, 100 m hohen Haupt-Stupa, der auf einer fast 60.000 qm großen Marmorplattform ruht, die voller reich geschmückter Schreine, Gebetshallen, Pavillons und Buddhas steht. 64 kleinere und 4 große Stupas umgeben den Haupt-Stupa, Tonnen von Gold und Tausende von Edelsteinen wurden hier verarbeitet. 2003 haben wir die Pagode natürlich auch besucht, damals waren wir fast die einzigen Touristen, heute wimmelt es von Ausländern. Überhaupt ist sehr viel los, vielleicht wegen des Feiertags, und weil die kühleren Abendstunden einfach mehr Besucher anziehen.

Die Stimmung ist schwer zu beschreiben. Viele Gläubige sitzen ganz still im Gebet oder bringen Buddhafiguren Blumenopfer, andere halten in Grüppchen zusammen ein Schwätzchen oder machen Picknick, dösen, spazieren um den Stupa herum, Kinder spielen, Touristen fotografieren die Einheimischen und diese mit ihren Handys wiederum die Touristen.
Kurz - andachtsvolle Ruhe herrscht hier eigentlich nicht, mehr ein ständiges Kommen und Gehen, aber die Stimmung ist trotzdem irgendwie feierlich, besonders als es auf den Abend zugeht und alles beleuchtet wird. Wir bleiben fast drei Stunden. In der Dunkelheit ist die Pagode so schön, dass man gar nicht mehr weg möchte. 

Zurück nehmen wir ein Taxi. Es gibt übrigens eine Besonderheit auf Burmas Straßen, die uns gestern schon aufgefallen ist: Hier wird rechts gefahren (seit 1970), aber der Fahrer sitzt auch rechts, also auf der falschen Seite. Das ist total verrückt. Das ganze Land fährt im Prinzip Autos, die eigentlich für Linksverkehr gedacht sind, was uns immer wieder irritiert, wenn wir ein Fahrzeug überholen und nicht der Fahrer, sondern der Beifahrer aus dem Fenster winkt.

Wir  überlegen, ob wir heute noch im teuren Traders Hotel gleich neben unserem Hotel zu Abend essen sollen, schließlich habe ich heute Geburtstag, entscheiden uns aber dann doch für ein bescheideneres Restaurant, was vielleicht ein Fehler war. In der Nacht wird mir schon schlecht, am Morgen ist mir speiübel, den Tag kann ich streichen. Gerold geht es auch nicht gut, aber ihn hat es nicht ganz so schlimm erwischt, er ist zumindest in der Lage, ab und zu aufzustehen. Was der Auslöser war - keine Ahnung, das ist einfach Pech oder vielleicht eine Warnung zur rechten Zeit. Die hygienischen Verhältnisse in Burma sind katastrophal, das werden wir während unseres Aufenthalts noch sehen. Dagegen war Sri Lanka ein Paradies an Sauberkeit. Die Bevölkerung kann nichts dafür, das Land wurde in den langen Jahren der Militärregierung auf unglaubliche Weise heruntergewirtschaftet, die öffentliche Hand kümmert sich offenbar um gar nichts. Am Inle-See besuchen wir später einen großen, regelmäßig stattfindenden Markt mit Hunderten von Besuchern, auf dem es nicht eine einzige Toilette gibt. Einheimische wie die zahlreichen Touristen erleichterten sich auf die Schnelle und ohne Sichtschutz am Straßenrand. Die Leute tun im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles, um ihre nähere Umgebung sauber zu halten. Hier wird ständig gefegt, geputzt, gewaschen. Auch die Ärmsten legen Wert auf reinliche und ordentliche Kleidung.

Eins ist klar: Auf der Straße dürfen wir hier nichts essen, auch Restaurants müssen wir uns vorher ganz genau anschauen. Fleisch und Fisch sind ab sofort gestrichen.

Bis zum Abend geht es mir nicht schlechter, eine Lebensmittelvergiftung ist es also glücklicherweise nicht, aber auch nicht besser, was besonders ärgerlich ist, weil Wah Wah uns zum Essen eingeladen hat. Gerold muss alleine hinfahren, ich lasse mir später von ihm berichten. Wah Wah hat lecker burmesisch gekocht (Myanmar Coconut Noodles), Gerold hat das Rezept notiert, wir kochen ja zu Hause gerne nach. Moh ist viel beschäftigt und kommt erst später dazu. Er ist ein wacher Kopf, ein Intellektueller, für den die Situation in Burma besonders unerträglich sein muss. Moh schätzt die "Wende" im Land vorsichtig optimistisch ein. Zu 75 %, meint er, sei die Entwicklung nicht mehr umkehrbar, ein Gegenputsch ultrakonservativer Offiziere sei aber immer noch möglich. Bei der Bevölkerung sei aber bisher von den Veränderungen noch wenig angekommen, bis auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten, darüber hatte schon der Taxifahrer geklagt. Gerold war mit Wah Wah in einem Supermarkt und wunderte sich über die hohen Preise. Für ein paar kleine Einkäufe hat sie umgerechnet 16 Euro bezahlt - ein Lehrer verdient hier monatlich zwischen 15 und 25 Euro.



Straße vor unserem Hotel




Typisches burmesisches Straßenrestaurant neben unserem Hotel



Spielende Jungs auf der Hotelstraße




Mit Wah Wah und Di Di im Donuts-Restaurant



Die Sule-Pagode im Zentrum der Altstadt von Yangon



Mitpassagiere im Bus auf dem Weg zum Mittagessen.




Mittagessen in einem burmesischen Restaurant. 
Gerade wird das Essen serviert - und was macht Di Di?!
 


Das Menu: Diverse Currys und Gemüse mit einem Dip



Shwedagon-Pagode: Gläubige beim Gebet



Gläubige bringen Opfer


Liegender Buddha in einer Nebenhalle



Diese Familie hat zuerst uns mit dem Handy fotografiert, dann wir sie.



Hübsches junges Mädchen mit dem typischen burmesischen Make-up



Burmesische Familie auf der Plattform der Shwedagon-Pagode



Dieses kleine Mädchen hat Angst vor uns.
 


Kurz vor Sonnenuntergang 
 


Shwedagon-Pagode in der Abenddämmerung



Nachtaufnahme 

 

                                          Zu Hause bei Wah Wah und Moh